Ein Kommentar

ZDF Versteckte Kamera: Magerkost vor großer Kulisse

zdf versteckte kamera

Für die Premiere von Steven Gätjen im ZDF hat der Sender das altbekannte Format „Die versteckte Kamera“ aus der Mottenkiste geholt.
Schon der Opener erinnerte an großes TV und der erste Blick auf die aufwändig gestaltete Kulisse verleitete viele Zuschauer in den sozialen Netzwerken nachzufragen, ob das nun schon die Oscar-Verleihung wäre.
Ein Blick auf die illustre Gästeliste, die, zugegeben, nur aus deutschen Stars bestand, ließ „Wetten, dass“ fast vergessen machen.
Und dann folgte Schritt für Schritt eine Ernüchterung. Als wäre man nachts an der Hotelbar von einer wunderschönen, eleganten Frau angesprochen worden. Dann auf dem Zimmer angekommen legt sie Perücke, falsche Wimpern, Push-Up BH und sonstige Täuschungsmanöver ab, bis am Ende die Zwillingsschwester von Renate Künast mit der Stimme von Verona Pooth fragt, ob man vorher noch was trinken möchte. Ja! Möchte man! Und zwar Gift. Nicht gerührt, nicht geschüttelt – nur schnell wirken muss es.

Das Konzept der Sendung in einem schnellen Überblick: Prominente legen Kollegen und Normalos mit der versteckten Kamera rein. Jury-Präsident und oberster Facebook-Richter Til Schweiger, Heiner Lauterbach und Caroline Kebekus geben nach dem Video-Einspieler ihr Urteil darüber ab und am Ende rufen die Zuschauer für ihren Favoriten an. Moderiert, wie zuvor erwähnt, von Raabs ehemaliger Allzweckwaffe am Mikrofon, Steven Gätjen.

Den Auftakt machte Michelle Hunziker, die Kinder mit ihrem Haus voller sprechender Haushaltsgeräte auf den Arm nehmen wollte. Die einzige Szene, über die man wirklich schmunzeln konnte, war der sofortige Versuch der Kinder, vom ZDF auf SuperRTL oder KIKA umzuschalten, als sie allein gelassen wurden.
Es folgten Uri Geller, der im Restaurant eine Frau von ihren übersinnlichen Fähigkeiten überzeugen wollte und Boss Hoss, die Ralf Möller die Hoffnung auf eine eigene Wachsfigur im Madame Tussauds gaben und wieder nahmen. Lustig war das nicht. Aber so richtig schmerzhaft wurde es, als Michelle Hunziker mit Boss Hoss zum gemeinsamen Liedchen auf die Bühne kam.
Wer an diesem Abend die DSDS-Ausgabe auf RTL verpasste, wurde entlohnt: schiefer die Töne nie klangen.

Danach betrat das ZDF Merkels Neuland, um Ideen für den Kamerastreich von TV-Koch Nelson Müller zu stehlen. Der legte sich im Supermarkt in eine Tiefkühltruhe und erschreckte Leute. Es folgte der, als Spinne verkleidete, Hund in der Tiefgarage und sogar ein kleiner Dinosaurier. Das hat man schon 1000 mal auf YouTube gesehen, also konnte man sich hervorragend auf die Menschen konzentrieren. Die reagierten alle so ähnlich, dass man den Eindruck bekam, es wären Statisten, die für eine Parkgutschein kurz mitspielten.
Einzig der Satz „Das hat mir 11 Opfer gebracht. Und eine Handtasche.“, so gesprochen vom dunkelhäutigen Müller in Köln, war für Freunde des schwarzen Humors unfreiwillig komisch.
Aber TV-Produktionen die irgendwas vortäuschen? Nein, das gibt es doch nicht…, oder?
Matthias Schweighöfer, der in einem recht gelungenen Filmchen seinen Kollegen Florian David Fitz mit einer Schwangeren im Taxi reinlegte, outete später vor der Livekamera ein kleines Geheimnis: die Produktion bat darum, sie mögen das „Versteckte-Kamera-Outing“ noch einmal wiederholen, weil der Kollege kaum reagiert habe. Schweighöfer und Fitz lehnten aber mit einem schlichten „Nö!“ ab.
Überhaupt schien der Schauspieler sein Herz auf der Zunge zu tragen. Als er sich vor die Jury zur Bewertung aufstellen musste, sagte er: „Das ist der absurdeste Moment meiner Karriere.“. Und wir sind uns nicht sicher, ob er damit nur den einen Augenblick meinte.

Über den Abend verteilt gab es noch Filme mit Hausmädchen, die Bestellungen per Drohne in Empfang nehmen mussten, Thomas Anders wurde von Uwe Ochsenknecht in der ZDF-Silvestershow reingelegt und ein Sicherheitsmann sollte explosives Material vor Mirjam Weichselbraun und Tom Beck beschützen.

Auf einer Humor-Skala von 1-10 tendierte die Show auf einer Ebene mit den 70er Jahre Kassetten von Fips Asmussen. Da wirkte die künstliche Spannung während der Verkündung des Siegers noch lustiger. Als würde es irgendwen interessieren, ob er diese Statue heute Abend mit nach Hause nehmen konnte, oder nicht. Den Briefkopf wird wohl niemand verändern, um diesen Titel dort aufzuführen. Sogar Nelson Müller, der noch ein Geburtstagsständchen bekam und mit seinem nachgemachten YouTube-Hit die Show gewann, dürfte nicht vor lauter Begeisterung im Siegestaumel gefallen sein.

Der großartige Opener und die Kulisse der Show waren überragend. Überraschend auch, dass sich recht namenhafte, nationale Stars an diesem Format beteiligt haben.
Dann aber fehlte es dem ZDF an kreativen Mitarbeitern und dem Willen, etwas eigenes, neues auszuprobieren. Damit dürfte man dem Format nachhaltig geschadet haben, oder kann sich irgendwer vorstellen, dass Stars der Kategorie Schweighöfer sich für eine 25-Sekunden-Promo noch einmal zu so etwas hinreißen lassen?

Bild: ZDF Livescreenshot

Advertisements

Ein Kommentar zu “ZDF Versteckte Kamera: Magerkost vor großer Kulisse

  1. wer sich mit dem unterirdisch prekär gewaltverherrlichenden /Tatort) Til Schweiger einlässt, muss sich über ein solch beschämendes Ergebnis doch nicht wundern, das hätten selbst weniger peinliche Protagonisten nicht retten können.
    Das ZDF ist aber längst auf einem sehr populistisch niedrigen Niveau angekommen, der Abstieg zu SAT1, Pro7, VOX und RTL also nicht mehr weit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s